KI-Slop: Wie sich Senior Software Engineers selbst überflüssig machen
Martin Zöller
Wie man sich als Senior Software Engineer selbst überflüssig macht.
Bei meinem Kunden musste ein neuer Engineer her. Im Hiring-Prozess trafen wir auf einen Kandidaten, der auf dem Papier super aussah: 15 Jahre Erfahrung mit sehr relevanten Technologien und super Bewertungen als Freelancer auf dem Portal. Im Call wirkte er sympathisch. Durch seine Antworten erkannte ich auch ohne Coding-Hausaufgabe, dass er wusste, wovon er sprach. Also wurde er beauftragt.
Vom ersten Tag an überflutete er den Kunden dann mit KI-Slop: Ungeprüfte Pull Requests, KI-generierte Antworten auf PR-Kommentare, KI-generierte Konzepte, die am Thema vorbeigehen, zahllose ungefragt generierte Jira-Tickets ohne Bezug zum Produkt, ohne Relevanz und ohne Wert für das Business. Auch nach klarem Feedback änderte er sein Vorgehen nicht. Da kein Unternehmen diese Arbeitsweise braucht, habe ich dem Kunden geraten, den Freelancer wieder loszuwerden.
Das ist offenbar kein Einzelfall.
Ein paar Tage später erzählte mir ein befreundeter Engineer von einem ähnlichen Fall in seinem Unternehmen: „Der Kollege muss die KI fragen, was sie implementiert hat und kann Rückfragen in seinen eigenen Pull Requests nicht ohne Hilfe von Claude beantworten.“ Auch hier mehr als ein Jahrzehnt Berufserfahrung.
Dieses Verhalten bei Veteranen zu sehen, die offensichtlich besser könnten, wenn sie wollten, hat mich schockiert.
KI ist sehr gut darin geworden, Code zu generieren. An manchen Tagen schreibt Claude Fable 5 besseren Code als ich. Das bedeutet aber nicht, dass ich alles automatisieren sollte.
Aber Software Engineering ist so viel mehr als die Arbeit im Editor: Software Engineering bedeutet, kluge Köpfe in einem Raum zu versammeln und zusammen ein Problem durchzudenken. Software Engineering bedeutet, Anforderungen von Kunden in technische Vorgaben für die Software zu übersetzen. Software Engineering bedeutet, sich Gedanken über Sicherheit, Datenschutz, Wartbarkeit und Erweiterbarkeit zu machen.
Und Software Engineering bedeutet, Entscheidungen zu treffen, sie erklären zu können und Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen.
Was bleibt uns denn, wenn wir aufhören, nachzudenken? Wie respektlos ist es bitte, wenn ich meinem Kollegen, mit dem ich vor zwei Jahren noch zusammen ein Konzept erarbeitet habe, eine KI-generierte Antwort auf eine persönliche Anfrage schicke? Wenn ich mir nicht einmal mehr die Mühe mache, mich ernsthaft mit einem Thema auseinanderzusetzen?
Wenn ich das Denken oder das Kommunizieren mit anderen Menschen an eine Maschine abgebe, kann ich mich auch gleich freiwillig als menschliche Batterie für die KI melden. Davon rücke ich keinen Millimeter ab.
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